Welche Rolle steht der Diagnostik zu?

Kaspar Baeschlin und Niklas Baer im Gespräch

 

Diagnostische Arbeit birgt also die Gefahr, zu stark defizitorientiert zu arbeiten. Diagnosen können sogar demoralisieren, Hoffnung auf Veränderung zerstören und die Motivation an der Arbeit mit Zielen verhindern. Sie helfen aber weiter, wenn störungsspezifisch gearbeitet wird. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns. Kann auf Diagnostik ganz verzichtet werden? Ist die konsequente lösungsorientierte Arbeit die Antwort? Zwei Experten stehen uns im Interview zu der Frage Rede und Antwort.

 

Kaspar Baeschlin: «Wie wäre es, wenn es besser wäre?»

Marianne und Kaspar Baeschlin sind Pioniere des lösungsorientierten Ansatzes in der Schweiz. Sie haben das Zentrum für lösungsorientierte Beratung in Winterthur gegründet und während vielen Jahren geleitet. Im Rahmen einer internen Schulung der Stiftung sbe führten sie uns in das Modell ein.

 

Niklas Baer: «Ohne die Auseinandersetzung mit dem Leiden besteht die Gefahr billiger Lösungen.»

Niklas Baer ist Leiter der Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation der Kantonalen Psychiatrischen Dienste Baselland. Verschiedene Mitarbeitende der Stiftung sbe haben an der Fachhochschule Nordwestschweiz Weiterbildungen zu psychiatrischer Rehabilitation bei ihm besucht.

 

Beat Stübi und Simone Laederach von der Stiftung sbe sprachen mit den beiden Experten:

 

Magazin sbe: Herr Baeschlin, Herr Baer, wo sehen Sie den Stellenwert der lösungsorientierten Arbeit in der psychiatrischen Rehabilitation?

 

K. Baeschlin: Ich stelle fest, dass derzeit ein grosser Bedarf an lösungsorientierten Konzepten besteht, es herrscht nahezu ein Vakuum. Vor allem aus Betreuungsteams nehme ich das Bedürfnis wahr, mit den KlientInnen nicht nur über das zu reden, was nicht gut ist, sondern über das, was gut läuft. Häufig bringt es nichts, nur über Diagnose zu reden. Die Sehnsucht nach einem lösungsorientierten Ansatz ist klar vorhanden. Die Frage, wei man dies konkret umsetzten soll, ist eine andere. Da ist das Wissen noch klein und das Vertrauen gering. Es besteht also noch viel Entwicklungsbedarf. Ich glaube, in Jugendheimen ist man der Umsetzung des lösungsorientierten Ansatzes schon weiter.

 

N. Baer: Lösungsorientierte Arbeit ist ein sehr wichtiger Ansatz. Es besteht in der psychiatrischen Rehabilitation die grosse Gefahr, in den Problemen der KlientInnen stecken zu bleiben. Weil wir in der Rehabilitation zielorientit arbeiten wollen, kommen wir gar nicht darum herum, Lösungen zu finden. Ich bin aber sehr kritisch, wenn polarisiert wird - wenn entweder nur die Defizite oder nur die Ressourcen im Zentrum stehen.

 

Magazin sbe: Dann widersprechen Sie also der lösungsorientierten These, Herr Baer, dass es für gute Lösungen das Wissen über die Probleme gar nicht braucht?

 

N. Baer: Ja, die PatientInnen in der Psychiatrie suchen wegen ihrer Defizite, wegen ihres Leidens Hilfe. In einer professionellen Rehabilitation braucht es eine saubere Analyse des Problems. Ohne die Auseinandersetzung mit dem Leiden besteht die Gefahr billiger Lösungen. Wenn wir bereit sind, mit den PatientInnen das Leiden auszuhalten, gibt das ihnen Power.

 

Magazin sbe: Wie soll Kraft wachsen, indem man sich mit Problemen befasst? Die Beschäftigung mit den Problemen ist doch eher entmutigend als motivierend?

 

N. Baer: Leider ist es so, dass sich auch heute noch viele Professionelle nicht mit dem Leiden der PatientInnen auseinandersetzen wollen. Anamnesen werden immer wieder erhoben. Ich meine aber nicht, aber nicht die Auseinandersetzung mit der Biografie und der frühen Kindheit. Wichtig ist für die KlientInnen, dass ihnen in den konkreten aktuellen Enttäuschungen und Misserfolgen jemand beisteht. Wenn es bei der lösungsorientierten Arbeit jedoch darum geht, sich selbst zu schützen und sich nicht mit dem Leiden auseinandersetzen zu müssen, dann hilft dies den Betroffenen nicht sehr. Es ist wirklich eine Kunst, die Probleme zu analysieren und den Menschen in ihrem Leiden echt zu begegnen, um dann lösungsorientiert mit ihnen zu arbeiten.

 

Magazin sbe: Und Sie, Herr Baeschlin, unterstützen Sie die lösungsorientierte These, dass es für gute Lösungen das Wissen über die Probleme gar nicht braucht? Braucht es keine Diagnosen?

 

K. Baeschlin: Eine Diagnose ist sehr wertvoll und kann für die KlientInnen entlastend wirken. Auch damit die finanzielle Unterstützung gesichert ist, ist es wichtig zu wissen, 'was jemand hat'. Jedoch bin ich der Meinung, dass die Diagnose für die Begleitung der Entwciklung einer Klientin, also für den ganzen Prozess, weniger wichtig ist. Wichtiger ist hier die Frage: Was wäre anders, oder wie wäre es, wenn es besser wär?

 

Magazin sbe: Eine Klientin leidet an einer Persönlichkeitsstörung und blickt auf eine lange Leidensgeschichte und viele berufliche Abbrüche zurück. Nun hofft sie auf einen Neuanfang und kommt zu Ihnen in die Beratung. Wie viel diagnostische Informationen zu den Problemen dieser Klientin benötigen Sie, um diese begleiten zu können?

 

N. Baer: Die Diagnose hilft oft nicht entscheidend weiter. In der psychiatrischen Rehabilitation ist es aber unerlässlich, dass man die Defizite genau kennt: In welchen Situationen scheitert die Person? Wie sieht die Arbeitsbiografie aus? Wo ist die Person wenig belastbar?

 

K. Baeschlin: Dazu braucht es keine Detaildiagnose. Es ist wichtig zu wissen, welche Massnahmen schon mit welchen Auswirkungen ausprobiert wurden. Was hat gut funktioniert? In diesem Sinne ist auch die Vernetzung wichtig zwischen den Fachpersonen. In der Praxis sollte man mit der Beobachtung arbeiten, das heisst: beobachten und feststellen, was funktioniert gut, dann in weiteren kleinen Schritten vorangehen.

 

Magazin sbe: Und wo setzt Ihrer Meinung nach ressourcenorientierte Arbeit an?

 

N. Baer: Ressourcenorientierung ist leider immer noch ein Schlagwort. Konkret werden aber Ressourcen oft nur sehr unspezifisch erhoben; das bringt nicht viel. Bei einer schweren psychiatrischen Erkrankung hilft es wenig, wenn ein Patient beispielsweise Segelschiffe fahren kann. Je nach Ziel - im Bereich Arbeit etwa - müssen die arbeitsspezifischen Ressourcen erhoben und einbezogen werden.

 

K. Baeschlin: Man sollte im Team und gemeinsam mit der Klientin überlegen, was sie kann und welche Fähigkeiten sie hat. Die Schritte sollten nicht von unseren Köpfen aus formuliert, sondern mit der Klientin zusammen geplant werden, immer in Bezug zu den Fähigkeiten. Ebenfalls sehr wichtig in der ressourcenorientierten Arbeit ist es, nicht zu beklagen, was nicht gut läuft oder was falsch gemacht wurde. Dies führt in den Abgrund. Vielmehr sollte man gemeinsam versuchen herauszufinden, was Verbesserungen ergab oder was gut funktioniert. 

 

Magazin sbe: Im Recovery-Ansatz ist der Begriff ‘Hoffnung’ zentral – gleichzeitig ist es ein vager Begriff. Aber wie kann konkret mit Hoffnung gearbeitet werden?

 

K. Baeschlin: Die Hoffnung ist zentral. Die Klientin muss eine konkrete Vorstellung haben, eine Vision! Es ist sehr wichtig, über Visione zu reden: Wo bin ich in fünf Jahren? Wie sieht mein Leben dann aus? Man darf jemandem die Visionen nicht ausreden oder runtermachen, das ist fatal. Manchmal dauert es lange, bis jemand von seinem Traum, seiner Vision erzählt. Aber sich damit auseinanderzusetzen führt oft zu einer positiven Dynamik. Dann kann man in kleinern Schritten vorwärtsgehen.

N. Baer: Da fällt mir eine Antwort jetzt schwer... Hoffnung bringen wir Helfer doch alle irgendwie mit, sonst können wir gar nicht mit diesen Menschen arbeiten. Wenn wir die Menschen ernst nehmen und in einer Beziehung mit ihnen sind, dann kommt die Hoffnung automatisch.